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••• Ich lasse mich nicht gern fotografieren. Das
hat, ich gebe es ohne Umschweife zu, mit einer gewissen Eitelkeit
zu tun oder vielmehr einem Komplex, den ich von Kindheit an mit mir
herumtrage, inzwischen stark gemildert, doch nie ganz überwunden.
Die Muskeln, die mein rechtes Auge bewegen sollten, verweigern seit
meiner Geburt den Dienst, und so steht dieses Auge unbeweglich im
äußersten rechten Augenwinkel und starrt – inzwischen
nahezu blind – ins Leere. Dieses Auge hat wenig Liebe erfahren
im Laufe der Jahre, weder von mir noch von anderen. Vielleicht rächt
es sich dafür, indem es sich auf Fotos so domininant und irritierend
in Szene setzt.
Wenn es um Portäts von mir geht, zitiere ich gern Picasso, der
einer von ihm gemalten und über das Ergebnis tief enttäuschten
Dame erwiderte: »Madame, eine wie Sie sollte sich fotografieren
lassen. Dann sind sie sechs Zentimeter groß und grau.«
Mir liegt dieses Format nicht.
Gemalt zu werden, ist mir deutlich lieber, und tatsächlich sind
es vier Gemälde, in denen ich mich vor Jahren zum ersten und
vielleicht einzigen Mal ganz als mich selbst wiedererkannte. Die Bilder
sind verschollen wie auch die Malerin, der ich Modell gesessen habe.
Das macht mir die Sache noch sympathischer. Denn viel plastischer
als die Gemälde selbst ist mir in Erinnerung, wie sie entstanden
sind. Die Geschichte also ist mir geblieben. Und in Geschichten fühle
ich mich noch immer am wohlsten.
Es muss Anfang der 1990er gewesen sein, in Berlin, ein heißer
Sommer, und alles spielte sich in einer Altbauwohnung im dritten Stock
am Ost-Berliner Zionskirchplatz ab. Die Malerin hatte ich auf einer
Vernissage kennengelernt, zu der mich eine befreundete Dichterin eingeladen
hatte. Es war Sympathie zu spüren, als wir einander vorgestellt
wurden, und wohl auch eine gewisse Anziehung, so dass wir uns verabredeten
und ich sie wenig später besuchte.
Sie wohnte in einer für eine Ost-Berliner Kunststudentin herrschaftlichen
Wohnung mit großer Wohnküche und zwei Zimmern. Im einen
wurde gelebt, im anderen gemalt. An den Wänden standen, auf Rahmen
gespannt, vorgrundierte Leinwände in vielen Formaten. Es roch
nach Terpentin und Ölfarben. Spezialisiert war die Dame allerdings
auf Radierungen, wovon ich gar keine Ahnung hatte, und so ließ
ich mir zunächst die technischen Finessen des Radierens und Druckens
erklären. Wir tranken in der brütenden Hitze eiskalten Anisschnaps,
und irgendwann rückte sie damit heraus, dass sie noch kein Bild
für die Abschlussausstellung habe. Gemälde waren gefordert.
Und ihr fehlte vor allem ein Modell.
Ich hatte Zeit, aber ich schützte gleich meine Ungeduld vor:
Ich könne nie und nimmer so lange stillsitzen. Das glaubte sie
nicht, und sie schlug vor, die Bilder nur zu skizzieren, während
ich Modell säße. Sie würde sie dann später zu
Ende malen.
Wir können gleich anfangen, sagte sie: Dort ist ein Sessel. Zieh
dich einfach aus und setz dich, wie es Dir am bequemsten ist.
Während Sie sich gleich daran machte, eine passende Leinwand
auszusuchen und auf die Staffelei zu stellen, zögerte ich. Dass
ich nackt Modell sitzen sollte, war mir nicht klar gewesen. Aber letztlich
machte mir dieser Umstand die Sache sogar leichter, denn es kam mir
so vor, als würde diesmal womöglich mein Körper als
Ganzes Gelegenheit haben, den »Makel«, der mich seit Kindertagen
bekümmerte, in den Hintergrund rücken zu lassen.
Also zog ich mich aus, während sie die Farben zurechtlegte.
Meine Sachen warf ich auf einen Haufen neben dem alten Sessel, auf
den ich mich lümmelte, wie es gewünscht worden war, und
auf den Dielen stand – zwischen Sessel und Staffelei –
die halb geleerte Flasche Anisschnaps. Daneben lag ein Apfel. Diese
beiden Gegenstände waren so etwas wie eine Demarkationslinie,
die von Malerin und Modell nicht überschritten werden durfte,
solange wir arbeiteten.
Ich bin zwei Tage geblieben. Die Flasche wurde gelehrt, der Apfel
gegessen. Es war nur folgerichtig, dass die Demarkationslinie nicht
bestehen blieb.
Die Malerin war im Grunde sehr schüchtern, und während ich
»nur« mit meinem ins Abseits starrenden Auge haderte,
verwünschte sie einen Großteil ihres Körpers. Darüber
sprachen wir nachts. Dass sie die einzige Frau in einer Klasse von
lauter sehr auf ihre Männlichkeit pochenden Malern war, machte
es nicht einfacher für sie.
Am zweiten Tag – es war wieder brütend heiß –
ging sie zögerlich auf meinen Vorschlag ein, sich ebenfalls auszuziehen
und nackt zu malen. Sie musste die Staffelei so rücken, dass
sie sich nicht dahinter verstecken konnte. Und da sie Palette und
Pinsel halten musste, war sie ganz meinen begehrlichen Blicken ausgeliefert.
Und es wirkte. Ich glaube, ich fühlte mich unter ihren Blicken
zum ersten Mal in meinem Leben wirklich schön; und sie malte
sich, während ich sie wenigstens so intensiv betrachtete wie
sie mich, eine Menge Ängste und Hemmungen vom Leibe.
Natürlich kehrt man aus einer solchen Situation in den Alltag
zurück und zieht sich mit den Kleidern auch wieder einen Teil
der alten Komplexe an. Als ich einige Wochen später in der Abschlussausstellung
die Bilder sah, ging es für uns beide nicht ohne ein Erröten
ab. Da waren die Flasche und der Apfel und natürlich ich in verschiedenen
Posen auf und vor dem Sessel.
Sie war sehr gelobt worden – gerade für diese Serie. Und
das lag wohl daran, dass das, was geschehen war mit uns beiden, auf
den Bildern zwar nicht dargestellt, aber doch als Stimmung anwesend
und deutlich spürbar war: Erleichterung, Leichtigkeit –
eine große innere Befreiung.
Es waren lebensfrohe Bilder, und ich denke gern an sie zurück,
wohl auch, weil sie mich daran erinnern, dass es beim Entstehen eines
Kunstwerks immer auch ein wenig um Überwindung geht: Barrieren
in sich niederzureißen und der eigenen Blöße zu begegnen.
Gelogen hat die Malerin nicht für mich. Auf einem der Bilder
war ich en face zu sehen, und wie es sich für ein ehrliches Porträt
gehört, blickte mein ungeliebtes Auge scharf nach rechts. Nur
wirkte es keineswegs blind oder gar tot. Nein, es leuchtete geradezu
und blickte lebhaft und liebevoll auf etwas oder jemanden außerhalb
des Bildes, von dem eine ungeheure Faszination ausgehen musste. Was
es war, wusste nur das Modell. Dem Blick des Betrachters blieb es
verborgen.
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| Benjamin Stein fotografiert von
Oliver Maier im September 2009. |
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